Rettungswissenschaft – eine eigene Wissenschaft für den Rettungsdienst*
Ein Artikel von Thomas Hofmann
Zusammenfassung: Die Rettungswissenschaft gewinnt als eigenständige Disziplin zunehmend an Bedeutung. Sie unterstützt evidenzbasiertes Handeln, fördert die Reflexion beruflicher Praxis und trägt zur Qualitätsentwicklung sowie Professionalisierung bei. Als interdisziplinäres Feld verbindet sie Erkenntnisse u. a. aus Medizin, Sozialwissenschaften und Pädagogik. Im Zentrum stehen Forschung zu Notfallversorgung, Bildung, Organisation und Management. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse wirken auf unterschiedlichen Ebenen. Ziel ist es, den Rettungsdienst als lernfähiges, reflektiertes und zukunftsfähiges System weiterzuentwickeln – getragen von einer eigenen, praxisbezogenen und theoriebasierten Wissenschaft.
Der Rettungsdienst ist ein zentrales Element der modernen Gesundheits- und Notfallversorgung. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Berufsfeld dabei, aus unterschiedlichen Gründen, erheblich verändert. Gewandelte Einsatzanlässe, neue Versorgungsmodelle, komplexe Einsatzsituationen und wachsende interprofessionelle Anforderungen haben die berufliche Praxis dynamisiert und professionalisiert [5]. Parallel dazu mehren sich die Stimmen, die eine stärkere wissenschaftliche Fundierung des Rettungsdienstes fordern – mit dem Ziel, evidenzbasierte Entscheidungen, reflektiertes Handeln und eine systematische Weiterentwicklung der Profession und des Systems zu ermöglichen [9].
Rettungswissenschaft vs. Rettungswissenschaften
Aktuell werden in der Fachwelt die beiden Begriffe Rettungswissenschaften bzw. Rettungs-
wissenschaft genutzt. Hierbei handelt es sich lediglich um eine sprachliche Unterscheidung,
inhaltlich beziehen sich beide Ausdrücke auf dasselbe Konzept.
Diese Diskussion ist kein rein akademisches Anliegen. Vielmehr ist sie eine Antwort auf reale Herausforderungen wie beispielsweise steigende Einsatzzahlen, variierende Qualifi kationsniveaus, Versorgungslücken in ländlichen Regionen und die Notwendigkeit, berufliche Handlungsmuster kritisch zu hinterfragen. Vor diesem Hintergrund rückt die Frage in den Fokus, ob und in welcher Form der Rettungsdienst eine eigene wissenschaftliche Disziplin benötigt – die sogenannte Rettungswissenschaft.
Ein konkretes Beispiel verdeutlicht die Relevanz dieser Debatte: Die Einführung von Rettungseinsatzfahrzeugen und Gemeindenotfallsanitäter:innen zeigt, dass neue Rollen und Versorgungsformen entstehen, für deren konzeptionelle Gestaltung wissenschaftlich fundierte Modelle, empirische Studien, systematische Evaluationen und auch Anpassungen in der rettungsdienstlichen Bildung und im rettungsdienstlichen Management erforderlich sind [5]. Gleichzeitig fehlt bislang ein disziplinäres Fundament, das diese Entwicklungen theoretisch einordnet und methodisch begleitet. Hier setzt die Idee einer Rettungswissenschaft an. Ziel dieses Artikels ist es, das Konzept der Rettungswissenschaft zu erläutern, ihre Bedeutung für den Rettungsdienst zu diskutieren und zentrale Forschungsfelder sowie Anwendungsbereiche offenzulegen. Dabei wird gezeigt, warum eine eigenständige Wissenschaftsdisziplin notwendig ist, welche disziplinären Grundlagen sie trägt und wie sie zur Professionalisierung und Qualitätsentwicklung im Rettungswesen beitragen kann.
Was ist eigentlich Wissenschaft?
Die Frage, was „Wissenschaft“ ist, soll zu Beginn geklärt werden, bevor die besondere Wissenschaftsdisziplin für den Rettungsdienst vorgestellt wird. Wissenschaft ist nicht nur für Fosschung und Lehre von Bedeutung, sondern auch für die praktische Berufswelt – insbesondere dort, wo unter Zeitdruck Entscheidungen mit weitreichenden Folgen getroff en werden müssen. Um den Begriff der Rettungswissenschaft fundiert zu verstehen, ist eine Klärung zentraler Merkmale wissenschaftlichen Arbeitens notwendig. Wissenschaft lässt sich allgemein als systematische, methodengeleitete und nachvollziehbare Erzeugung von Wissen verstehen. Im Unterschied zu Alltagswissen, das auf subjektiven Erfahrungen, Traditionen oder Intuition beruht, zielt wissenschaftliches Wissen auf Objektivität, Transpa-renz und Überprüfbarkeit. Es wird in einem strukturierten Prozess gewonnen, bei dem Fragestellungen formuliert, Hypothesen entwickelt, Daten erhoben und Ergebnisse kritisch diskutiert werden [8]. Der wissenschaftliche Anspruch liegt nicht nur im „Wissen-Wollen“, sondern im begründeten und begründbaren Wissen.
| Kriterium | Alltagswissen | Wissenschaftliches Wissen |
| Grundlage | Persönliche Erfahrungen | Systematische Erhebungen |
| Überprüfbarkeit | Gering | Hoch |
| Objektivität | Niedrig | Angestrebt |
| Gültigkeitsanspruch | Lokal/ individuell | Überindividuell/ generalisiert |
| Weiterentwicklung | Selten | Integraler Bestandteil |
Ein zentrales Unterscheidungsmerkmal zur Alltagserfahrung ist dabei die Orientierung an bestimmten Gütekriterien. Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen intersubjektiv nachvollziehbar, methodisch abgesichert und – zumindest prinzipiell – falsifizierbar sein. Das bedeutet: Andere Personen sollen in der Lage sein, die Ergebnisse nachzuvollziehen oder zu überprüfen. Subjektive Eindrücke oder individuelle Erfahrungen reichen dafür nicht aus. Tab. 1 stellt die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale von alltäglichem und wissenschaftlichem Wissen dar [1]. Besonders relevant wird dieser Unterschied im beruflichen Handeln, wenn auf Grundlage von Wissen Entscheidungen getroffen werden, die direkte Auswirkungen auf Patient:innen, Kolleg:innen oder das System insgesamt haben. Hier können wissenschaftliche Theorien, empirische Studien und evaluierte Modelle eine wichtige Grundlage bilden – nicht als starres Regelwerk, sondern als reflexiver Orientierungsrahmen. Auch für handlungsbezogene Disziplinen wie die Pflege-, Sozial- oder Gesundheitswissenschaften hat sich gezeigt, dass wissenschaftliche Fundierung zur Professionalisierung und Qualitätssteigerung beiträgt [7].
Für den Rettungsdienst bedeutet das: Eine systematische Refl exion des eigenen Tuns, die Entwicklung theoretischer Modelle und die empirische Untersuchung von Handlungsfeldern sind keine akademischen Luxusfragen, sondern essenzielle Bestandteile einer Weiterentwicklung der Berufsgruppe. Die Etablierung einer eigenen Wissenschaft kann helfen, berufliches Erfahrungswissen in überprüfbare, generalisierbare und praxisrelevante Erkenntnisse zu überführen – und so das Handeln in der Notfallversorgung zu verbessern.
Ein weiterer zentraler Aspekt von Wissenschaft, der im beruflichen Kontext häufig übersehen wird, ist ihre untrennbare Verbindung mit der Lehre. Wissenschaft bedeutet nicht nur, neues Wissen zu erzeugen, sondern dieses auch zu vermitteln, zu reflektieren und in didaktisch aufbereiteter Form für die Ausbildung und Weiterbildung verfügbar zu machen. Lehre ist damit kein nachgelagerter Schritt, sondern ein konstitutiver Bestandteil des wissenschaftlichen Prozesses: Erkenntnisse müssen nicht nur erzeugt, sondern auch geteilt, überprüft und in den Diskurs eingebracht werden. Gerade in einem dynamischen Berufsfeld wie dem Rettungsdienst, das sich ständig neuen Herausforderungen stellen muss – etwa dem demografischen Wandel, der Digitalisierung oder komplexen interdisziplinären Schnittstellen – ist die Verzahnung von Forschung und Lehre essenziell. Sie ermöglicht es, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse in die Aus- und Fortbildung zu integrieren, kritisches Denken zu fördern und praxisnahes, refl ektiertes Handeln zu stärken. Eine Rettungswissenschaft, die nicht nur forscht, sondern auch lehrt, schafft damit die Grundlage für ein lernendes System, das in der Lage ist, sich selbst weiterzuentwickeln und aufneue Anforderungen flexibel zu reagieren [9].
Warum benötigt der Rettungsdienst eine eigene (Berufs-)Wissenschaft?
Der Rettungsdienst ist ein hochkomplexes Handlungsfeld mit spezifischen Anforderungen, die sich nur begrenzt durch bestehende Wissenschaftsdisziplinen abbilden lassen. Zwar fließen in der alltäglichen Arbeit Elemente der Medizin, Pfl ege, Psychologie, Soziologie, Pädagogik und Organisationstheorie ein – jedoch fehlt bisher ein übergreifendes disziplinäres Fundament, das diese Perspektiven systematisch miteinander verbindet und auf die besonderen Bedingungen der präklinischen Notfallversorgung ausrichtet [9].
Der Bedarf an einer eigenen Wissenschaft ergibt sich vor allem aus den strukturellen Eigenheiten des Rettungsdienstes. Dazu zählen u. a. die hohe Handlungsdichte in unvorhersehbaren Situationen, das Zusammenspiel verschiedener Akteur:innen unter Zeitdruck, die Verantwortung für hoch vulnerable Patient:innen sowie die zunehmende Ausweitung der Aufgaben. Diese Vielschichtigkeit erfordert eine wissenschaftliche Auseinandersetzung, die das Berufsfeld in seiner Eigenlogik versteht.
Zudem zeigt sich in der Praxis ein wachsender Bedarf an evidenzbasiertem Handeln. Während in der klinischen Medizin evidenzbasierte Leitlinien etabliert sind, fehlt es im Rettungsdienst häufig noch an entsprechender Forschung [6]. Eine eigene Wissenschaftsdisziplin kann helfen, dieses Defizit zu beheben.
Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Professionalisierung des Berufsfelds. Im Unterschied zu traditionellen Ausbildungsberufen orientieren sich Professionen an einem wissenschaftlich fundierten Wissenskorpus [4]. Die Entwicklung einer eigenen Rettungswissenschaft ist daher ein notwendiger Schritt, um den Beruf im Rettungsdienst als eigenständige Profession zu etablieren.
Nicht zuletzt spielt die Qualitätssicherung eine zentrale Rolle. Wissenschaftliche Modelle und kritische Reflexion können dazu beitragen, die Praxis weiterzuentwickeln und die Versorgung der Patient:innen nachhaltig zu verbessern.
Was ist die Rettungswissenschaft?
Der Begriff Rettungswissenschaft beschreibt keine bloße Ansammlung theoretischer Erkenntnisse über den Rettungsdienst, sondern eine sich etablierende Wissenschaft sdisziplin, die das Berufsfeld systematisch, interdisziplinär und praxisbezogen untersucht. Im Zentrum stehen dabei Fragen rund um das professionelle Handeln in Notfallsituationen, die Organisation und Struktur rettungsdienstlicher Systeme sowie die gesellschaftliche Bedeutung von Rettung [9].
Die Rettungswissenschaft ist dabei nicht auf eine bestimmte Bezugsdisziplin beschränkt, sondern als interdisziplinäres Wissensfeld angelegt. Sie integriert Erkenntnisse und Methoden u. a. aus der Medizin, Pflege, Soziologie, Psychologie, Pädagogik, Ethik sowie Recht- und Betriebswirtschaft. Gerade diese Verknüpfung unterschiedlicher Perspektiven rund um den Gegenstand Rettungsdienst ist essenziell, um dessen komplexe Wirklichkeit angemessen zu erfassen. Während beispielsweise medizinische Disziplinen physiologische Aspekte in den Fokus rücken, liefern sozialwissenschaftliche Zugänge Erklärungsansätze für Interaktionsprozesse, Entscheidungsmuster oder institutionelle Rahmenbedingungen im Rettungswesen [9].
In methodischer Hinsicht greift die Rettungswissenschaft sowohl auf quantitative als auch auf qualitative und theoretische Forschungsansätze zurück. Sie nutzt empirische Methoden, um Versorgungsrealitäten zu analysieren, evaluative Studien, um Maßnahmen auf ihre Wirksamkeit zu überprüfen, sowie theoretische Reflexionen, um Grundbegriffe und Denkmodelle des Berufsfelds weiterzuentwickeln. Ein zentrales Ziel ist es, subjektives Erfahrungswissen aus der Praxis mit wissenschaftlichen Standards zu verbinden und daraus generalisierbare, handlungsrelevante Erkenntnisse zu gewinnen [9].
| Forschungsfeld | Beispielhafte Fragen zu folgenden Aspekten |
| Retten und Notfallversorgung | Analyse und Verbesserung der konkreten rettungsdienstlichen Patient:innenversorgung |
| Versorgungsforschung | Struktur, Effizienz und Gerechtigkeit der Notfallversorgung |
| Bildung | Didaktik, Curriculum-Entwicklung, Kompetenzmessung |
| System & Organisation | Rechtliche, strukturelle und politische Rahmenbedingungen |
| Management & Führung | Führungsmodelle, Teamarbeit, Entscheidungsprozesse |
| Professionalisierung | Entwicklung beruflicher Identität, Ethik und Standards |
| Wissenschaftstheorie | Reflexion über Methodik, Erkenntniswege und Theorieentwicklung |
Um das Feld systematisch zu gliedern, schlagen Prescher, Bauer und Mitautoren (2023) sieben Forschungsfelder vor, die die Bandbreite rettungswissenschaftlicher Fragestellungen abbilden. Tab. 2 bietet ein Überblick über die identifizierten Forschungsfelder und deren Zusammenhänge. So gibt es beispielsweise Forschungsbereiche in der Bildung, die nahe am zentralen Kernbereich des Rettungsdienstes (und der Rettungswissenschaft) sind, nämlich dem Phänomen „Retten und Notfallversorgung“, und andere Forschungsthemen, die sich weiter weg von der praktischen Anwendung befi nden. Die Forschungsbereiche Professionalisierung und Wissenschaftstheorie verlaufen quer zu den anderen Bereichen, da sie unmittelbaren Einfluss auf alle anderen Forschungsbereiche haben.
Abb. 1 spiegelt nicht nur die Forschungsfelder in ihrer thematischen Vielfalt wider, sondern veranschaulicht auch die Paradigmen, unter denen sich Rettungswissenschaft entwickelt. Sie ist handlungsorientiert (Praxis als Ausgangspunkt), anwendungsorientiert (mit konkretem Nutzen), reflexionsorientiert (kritisch hinterfragend) und berufsfeldorientiert (am Rettungsdienst als System). Dennoch versteht sich dieses Modell als Diskussionsgrundlage und sollte an die zukünftigen Entwicklungen der Rettungswissenschaft angepasst werden [9].
Trotz dieser konzeptionellen Breite zeigt sich aktuell eine auff ällige Schieflage in der disziplinären Entwicklung. Forschung und Lehre konzentrieren sich bislang überwiegend auf bildungsund managementbezogene Fragestellungen bzw. Studiengänge. Die Themenfelder rund um Ausbildung, Qualifi zierung, Organisationsstruktur und Führung sind gut erschlossen und in Studiengängen sowie wissenschaftlichen Publikationen vertreten. Demgegenüber bleibt die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der direkten rettungsdienstlichen Patient:innenversorgung, etwa zur Wirksamkeit spezifischer Maßnahmen,zum Entscheidungsverhalten oder zur ethischen Reflexion am Einsatzort, bislang deutlich unterrepräsentiert. Es besteht ein erheblicher Nachholbedarf, der adressiert werden muss, um das volle Potenzial der Rettungswissenschaft für die Versorgungsrealität zu entfalten [3, 5, 6].

Die Disziplin entwickelt sich dennoch zunehmend institutionell weiter, so etablieren sich erste Studiengänge mit der Ausrichtung Patient:innenversorgung und Rettungswissenschaft an Hochschulen. Zunehmende Forschungsaktivitäten, die Deutsche Gesellschaft für Rettungswissenschaften (DGRe) sowie fachbezogene wissenschaftliche Zeitschriften – etwa das German Journal of Paramedic Science (GJoPS) – tragen zur Professionalisierung des Felds bei. Dennoch stehen die Verankerung patient:innennaher Forschung, deren Finanzierung durch Drittmittel und entsprechende Studiengänge noch am Anfang.
Ein zentrales Kennzeichen der Rettungswissenschaft bleibt ihr Anwendungsbezug. Sie versteht sich als reflexive Disziplin, die nicht nur bestehende Phänomene beschreibt, sondern konkrete Impulse für die Weiterentwicklung der Praxis liefert – etwa in Form von Handlungsempfehlungen, Leitlinien oder innovativen Versorgungskonzepten. Damit leistet sie einen Beitrag zur Qualitätssicherung, zur Professionalisierung und zur strukturellen Weiterentwicklung des Rettungsdienstes – im Sinne einer evidenzbasierten, handlungsorientierten und reflektierten Praxis.
Wie kann der praktische Rettungsdienst von der Rettungswissenschaft profitieren?
Die zentrale Frage, ob und wie der Rettungsdienst konkret von einer eigenen wissenschaftlichen Disziplin profitiert, lässt sich aus mehreren Perspektiven beantworten. Im Zentrum steht dabei der Beitrag, den die Rettungswissenschaft zur Verbesserung der beruflichen Praxis, zur Qualitätssicherung sowie zur Weiterentwicklung des Systems leisten kann.
Zunächst bieten rettungswissenschaftliche Erkenntnisse Orientierung für das individuelle Han-
deln im Einsatz. Durch die systematische Aufarbeitung von Handlungssituationen, Entscheidungsprozessen und Interaktionsmustern werden Notfallsanitäter:innen in die Lage versetzt, ihr Vorgehen kritisch zu reflektieren, alternative Handlungsmöglichkeiten zu erkennen und evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen. Wissenschaftliche Erkenntnisse können helfen, Routinen zu hinterfragen, Unsicherheiten zu strukturieren und die Sicherheit für Patient:innen und Einsatzkräfte zu erhöhen [6].
Darüber hinaus unterstützt die Rettungswissenschaft die Entwicklung standardisierter Verfahren und Leitlinien, die nicht auf Einzelmeinungen, sondern auf systematisch erhobenem Wissen basieren. So können beispielsweise Einsatzindikationen, Kommunikationsstandards oder die Wirksamkeit von Algorithmen empirisch überprüft und optimiert werden. Auch die Auswertung von Fehlern oder kritischen Ereignissen lässt sich durch wissenschaftlich fundierte Methoden besser strukturieren und nutzen – etwa im Rahmen eines systematischen Critical Incident Reporting [2].
Im Bereich der Aus- und Fortbildung bietet die Rettungswissenschaft wichtige Impulse für eine lernwirksame, kompetenzorientierte Didaktik. Pädagogische Konzepte wie simulationsgestütztes Training, fallbasiertes Lernen oder refl exive Fallbesprechungen profi tieren von einer theoretischen Fundierung und empirischen Validierung [11].
Gleichzeitig ermöglicht wissenschaftliches Arbeiten im Rahmen von Studiengängen oder Praxisprojekten eine Stärkung des beruflichen Selbstverständnisses und die Förderung einer reflektierten Berufskultur [10].
Auch auf organisatorischer Ebene profi tieren Rettungsdienste von wissenschaftlichen Ansätzen – etwa bei der Personalentwicklung, in Fragen der Einsatzplanung oder in der interprofessionellen Zusammenarbeit. Mittels Forschung können Modelle zur Teamarbeit, Führung, Kommunikation oder Belastungsverarbeitung gezielt entwickelt und evaluiert werden [12]. Nicht zuletzt ermöglicht eine wissenschaftliche Perspektive auch die kritische Analyse von Versorgungsstrukturen, Zugangswegen oder Fehlsteuerungen im System. Schließlich trägt die Etablierung der Rettungswissenschaft dazu bei, das Berufsfeld im öffentlichen und politischen Diskurs zu stärken. Eine disziplinäre Sichtbarkeit, Publikationstätigkeit und die Beteiligung an gesundheitspolitischen Fragestellungen stärken die Position der Notfallsanitäter:innen als professionelle Akteur:innen im Gesundheitswesen.
So kann aus einem „ausführenden Beruf“ zunehmend ein reflektierender, forschender und gestaltender Beruf mit eigenem wissenschaftlichem Fundament werden [5].
Die Wirkungen rettungswissenschaftlicher Erkenntnisse lassen sich somit auf mehreren Systemebenen beschreiben ( Abb. 2).

- Auf der Mikroebene wirken sie auf das individuelle Handeln von Rettungsdienstfachpersonal. Hier geht es um refl ektiertes, evidenzbasiertes Entscheiden im Einsatz, um die Entwicklung professionsspezifischer Handlungskompetenzen und um die Stärkung eines gemeinsamen berufl ichen Selbstverständnisses
- Auf der Mesoebene betreff en sie Organisationen wie Rettungsdienstträger, Leitstellen, Bildungseinrichtungen oder Kliniken. Also die Ebene, die Ressourcen (z. B. Personal, Erkenntnisse, Bildung, Material) für die eigentliche Versorgung von Patient:innen im rettungsdienstlichen Kontext zur Verfügung stellt. Rettungswissenschaftliche Erkenntnisse können hier zur Qualitätsentwicklung, zur Evaluation von Strukturen und zur Steuerung von Versorgungspfaden oder zur Neuausrichtung von Fort-, Aus- und Weiterbildungen beitragen – z. B. bei der Implementierung neuer Rollenprofi le oder Kooperationsformen.
- Auf der Makroebene liefert die Rettungswissenschaft Grundlagen für gesundheitspolitische Entscheidungen, Normierungsprozesse, Berufsrecht und die Ausgestaltung des Rettungswesens als Teil des Gesundheitswesens. Sie bietet Argumente für die Notwendigkeit politischer Investitionen, zeigt Versorgungsdefizite auf und macht das Berufsfeld als eigene Disziplin sichtbar.
Diese Mehrebenenwirkung zeigt, dass die Rettungswissenschaft nicht nur einen akademischen Anspruch verfolgt, sondern einen konkreten Nutzen für das System der Notfallversorgung, aber auch die einzelnen Retter:innen entfalten kann – vorausgesetzt, sie wird systematisch weiterentwickelt, gefördert und mit der Praxis rückgekoppelt.
Fazit
Die Notwendigkeit einer eigenständigen Rettungswissenschaft ergibt sich nicht aus akademischem Selbstzweck, sondern aus der Dynamik und Komplexität des Berufsfelds selbst. Der Rettungsdienst bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen medizinischer Versorgung, organisatorischen Anforderungen und sozialen Herausforderungen. Um dieser Vielschichtigkeit gerecht zu werden, bedarf es einer Disziplin, die das berufliche Handeln systematisch erforscht, reflektiert und weiterentwickelt.
Im Verlauf des Artikels wurde deutlich: Die Rettungswissenschaft kann zur Professionalisierung beitragen, indem sie wissenschaftlich fundiertes Wissen und Erkenntnisse bereitstellt, die auf der Mikro-, Meso- und Makroebene nutzbar sind. Sie fördert die Entwicklung eines berufsspezifischen Selbstverständnisses und liefert Impulse zur Qualitätssicherung, Fehlervermeidung und Innovationsfähigkeit. Damit wird sie zu einem Schlüssel für ein reflektiertes, evidenzbasiertes und zukunftsfähiges Rettungswesen.
Gleichzeitig steht die Disziplin noch am Anfang. Zwar sind mit ersten Studiengängen, Forschungsprojekten und der Fachgesellschaft wichtige Schritte getan, doch fehlt es weiterhin an strukturierter Forschungsförderung, hochschulischer Verankerung und interdisziplinärer Vernetzung. Insbesondere die direkte Patient:innenversorgung als zentrales Handlungsfeld des Rettungsdienstes muss in Zukunft stärker in den Fokus wissenschaftlicher Auseinandersetzung rücken – sowohl in der Forschung als auch in der Lehre.
Die Verantwortung für die Weiterentwicklung liegt nicht allein bei Hochschulen oder Politik. Auch die Berufsgruppe selbst ist gefragt, sich aktiv an der Gestaltung ihrer Wissenschaft zu beteiligen: durch kritisches Denken, Beteiligung an Forschungsprojekten, Reflexion eigener Erfahrungen und die Bereitschaft, Wissen zu teilen und weiterzugeben. Nur so kann sich die Rettungswissenschaft dauerhaft etablieren – als integraler Bestandteil eines modernen, lernenden und professionellen Rettungsdienstes.
Quellen
[1] Bardmann, T. M. (2015). Wie unterscheidet sich wissenschaftliches Denken und Arbeiten von anderen Denk- und Arbeitsweisen? In: Die Kunst des Unterscheidens (S. 25–44). Springer Fachmedien Wiesbaden.
[2] Dahlmann, P. (2023). PatientInnensicherheit im Rettungsdienst: Entwurf für eine gelebte Praxis. In T. Prescher, C. Bauer, R. Dubb, T. Hofmann, & S. Koch (Eds.), Rettungswissenschaft: Grundlagen, Theorien und Perspektiven (1st ed., S. 230–239). Kohlhammer.
[3] Gabel, F. (2023). Die Rettungswissenschaft als Chance zur Institutionalisierung ethischer Fragen der Rettung. In T. Prescher, C. Bauer, R. Dubb, T. Hofmann, & S. Koch (Eds.), Rettungswissenschaft: Grundlagen, Theorien und Perspektiven (S. 145–154). Kohlhammer Verlag.
[4] Hodson, R., & Sullivan, T. A. (2008). Social Organization of Work (4th ed.). Wadsworth Publishing.
[5] Hofmann, T. (2023). Die Etablierung der Rettungswissenschaft als Lösung aktueller Probleme in der Professionalisierung von NotfallsanitäterInnen. In T. Prescher, C. Bauer, R. Dubb, T. Hofmann, & S. Koch (Eds.), Rettungswissenschaft (1st ed., S. 103–118). Kohlhammer.
[6] Koch, S. (2023). Von der empirischen Rettungswissenschaft zur evidenzbasierten Notfallmedizin – Anwendung systematischer Forschung in der notfallmedizinischen Praxis. In T. Prescher, C. Bauer, R. Dubb, T. Hofmann, & S. Koch (Eds.), Rettungswissenschaft: Grundlagen, Theorien und Perspektiven (1st ed., S. 57–73). Kohlhammer.
[7] Meleis, A. (2004). Theoretical Nursing: Development and Progress. Lippincott Williams & Wilkins.
[8] Polit, D., & Tatano Beck, C. (2004). Nursing Research: Principles and Methods (7th ed.). Lippincott Williams and Wilkin.
[9] Prescher, T., Bauer, C., Hofmann, T., & Koch, S. (2023). Modell einer entstehenden Disziplin: Forschungsfelder und Gegenstandstheorien der Rettungswissenschaft. In T. Prescher, C. Bauer, R. Dubb, T. Hofmann, & S. Koch (Eds.), Rettungswissenschaft: Grundlagen, Theorien und Perspektiven(1st ed., S. 13–32). Kohlhammer.
[10] Prescher, T., König, H., & Wiesner, C. (2023). Pädagogik als Bezugswissenschaft im Rettungsdienst: Wie das Neue ins System kommt am Beispiel der NotSanAusb. In T. Prescher, C. Bauer, R. Dubb, T. Hofmann, & S. Koch (Eds.), Rettungswissenschaft: Grundlagen, Theorien und Perspektiven (1st ed., S. 308–322). Kohlhammer.
[11] Koch, S., & Junkersdorf, P. (2023). Von der theoretischen Aus- und Weiterbildung in die rettungsdienstliche Praxis – evidenzbasierte Notfallmedizin im Rettungsdienst. In T. Prescher, C. Bauer, R. Dubb, T. Hofmann, & S. Koch (Eds.), Rettungswissenschaft: Grundlagen, Theorien und Perspektiven (1st ed., pp. 295–307). Kohlhammer.
[12] Göschel, M. (2023). Führung und Management: Entwicklungsschwerpunkte für das Rettungsdienstpersonal. In T. Prescher, C. Bauer, R. Dubb, T. Hofmann, & S. Koch (Eds.), Rettungswissenschaft: Grundlagen, Theorien und Perspektiven (1st ed., pp. 255–294). Kohlhammer.
*: Dieser Artikel ist zuerst in der Elsevier Emergency erschienen. Wir bedanken uns bei Verlag und Redaktion, dass wir den Text auf unserer Website veröffentlichen dürfen. Der Artikel steht hier als PDF zur Verfügung.